Building bridges with our stories: Silke aus Deutschland

Unsere persönlichen Geschichten zu teilen und voneinander zu lernen, ist seit Anbeginn der Menschheit der wirkungsvollste Weg zu mehr Gemeinschaft, gegenseitiger Inspiration und persönlichem Wachstum. Durch sie haben wir die Chance, neue Perspektiven zu entdecken und unseren Horizont zu erweitern.

Silke erzählt, wie ihr Expat-Leben in Mexiko durch den Tod ihres Mannes ein abruptes, tragisches Ende nahm und was ihr und ihren vier Töchtern half, diesen schweren Schicksalsschlag zu überwinden.

Silke ist eine sehr geschätzte interkulturelle Trainerkollegin, mit der ich mich aufgrund mehrerer erstaunlicher Parallelen sehr stark verbunden fühle: Wir haben zu unterschiedlichen Zeiten als Expats in Puebla/Mexiko gelebt, kurz hintereinander die Trainer-Ausbildung im selben Institut absolviert und wohnen momentan nur 4 km voneinander entfernt. Kennengelernt haben wir uns erst vor 2 Jahren und lachend feststellen müssen, dass die Welt in der Tat ein Dorf ist!

Neulich bei einem Arbeitsfrühstück habe ich sie gefragt, ob sie bereit wäre, ihre Geschichte in meinem Blog zu erzählen um auf diese Weise anderen Menschen Mut zu machen, die vielleicht auch gerade ein schweres Schicksal im Ausland erleben. Sie hat spontan ja gesagt!

Liebe Silke, beschreibe deine Erfahrungen als Expat-Partner und Mutter. Was hat das Auslandsleben für euch bedeutet?

1994 sind mein Mann und ich das erste Mal im Ausland gewesen, 5 Monate Portugal. Das war bewusst so kurzgehalten, wir wollten mal sehen wie sich das anfühlt im Ausland zu leben.  Damals mit einem Kind, unserer drei Monate alten Tochter. Die Zeit war so intensiv, hat uns beiden so viel gegeben, dass wir beschlossen auch für länger ins Ausland zu gehen, wenn sich die Gelegenheit bieten würde.

Das kam dann 2001, inzwischen hatten wir schon drei Töchter (6 ½, 5 und 2 Jahre) und es verschlug uns nach Brasilien. Da kamen die noch vorhandenen rudimentären Portugiesischkenntnisse genau richtig. Leider mussten wir dann feststellen, dass das brasilianische Portugiesisch sich doch sehr stark unterschied, jedoch im Positiven, es war von der Aussprache her einfacher zu erlernen. Eine Herausforderung für mich war, drei Kinder mit Kindergarten und Schule zu organisieren. Dazu kam dann, dass zwei meiner Töchter auf die Internationale Schule gingen und zusätzlich zum Portugiesischen auch noch Englisch lernten. Es war sehr spannend mitzuerleben, wie schnell die Kinder Ausdrücke lernten und die in drei Sprachen durcheinanderwirbelten.

Nach drei Jahren ging es dann wieder zurück nach Deutschland, jedoch an einen anderen Standort, nämlich Hannover. Und hier schlug dann der Kulturschock in Form der deutschen Schul-/Kindergartenbürokratie zu. Kein Kindergartenplatz, in der Schule sollten die Mädchen runtergestuft werden.

Das hat mich sehr viele Nerven gekostet, alles durchzusetzen und den Mädchen das Gefühl zu geben, dass der Auslandsaufenthalt positiv war und sie keine Defizite haben.

2010 wurde es dann wieder spannend. Ein weiter Auslandsaufenthalt wurde angeboten. Inzwischen waren wir zu sechst, die jüngste Tochter 5 Jahre alt, plus zwei Hunde, und Mexiko stand im Raum. Ich wollte auf jeden Fall nochmal „raus“, aber mit 2 Töchtern auf dem Sprung in die Oberstufe und einer mitten in der Pubertät- war das wirklich sinnvoll? Es gab ein Wochenende, an dem wir alle zusammensaßen und pros und contras abgewogen hatten und mit einer „Gegenstimme“, von der Tochter in der Pubertät, beschlossen wir das Angebot anzunehmen. Mexiko war -für mich als Mutter gesehen- zum einen schulisch extrem herausfordernd- obwohl es diesmal eine deutsche Auslandsschule gab. Zum anderen jugendliche Töchter, die auf Partys gehen wollen und sich frei bewegen wollen, mit den mexikanischen Gegebenheiten und meinem Sicherheitsbedürfnis in Übereinstimmung zu bringen, das war nicht immer einfach.

Man sieht, ich spreche viel aus der „Ich-Perspektive“, wenn es um die Kinder geht.

 Mein Mann war beruflich so eingespannt, dass die Themen Schule, Freunde, Hobbys, Sprachunterrichte, Haushalt, Kontakte mit Deutschland komplett auf meinen Schultern lag.

Auch bei größeren Problemen in der Schule war ich immer alleine unterwegs, um alles zu regeln.

Euer Auslandsleben nahm ein abruptes Ende, wie hast du diese schwere Zeit erlebt und überstanden?

In unserem Cancún-Urlaub 2013, meine große Tochter hatte 4 Wochen zuvor ihr Abitur abgelegt und war auf dem Sprung nach Deutschland, um dort in ein FSJ zu gehen, klagte mein Mann nachmittags über starke Kopfschmerzen. Er ging früh zu Bett, stand dann gegen 22.00 Uhr nochmal auf und brach im Bad zusammen.  Erst dachte ich es wäre ein Herzinfarkt, doch aufgrund des schiefen Mundwinkels wusste ich – es ist ein Schlaganfall.

Er wurde nach Cancún ins Krankenhaus gebracht, diese Nacht, die ich ohne Infos, ohne jegliche Begleitung (die Kinder waren im Hotel geblieben) im Wartezimmer sitzend verbracht habe, werde ich nie vergessen. Am nächsten Tag war mein Mann ansprechbar, am Tag darauf ging es ihm morgens extrem schlecht und er wurde notoperiert. Drei Tage später starb er dort im Krankenhaus.

Diese 5 Tage waren für mich wie ein Albtraum. Die Kinder saßen im Hotel mit Animationsprogramm, realisierten (oder wollten nicht realisieren) gar nicht wie schlecht es ihrem Vater ging, ich pendelte zwischen Krankenhaus und Hotel dreimal täglich hin und her. Dadurch, dass wir im Sommerurlaub waren, fehlte mir mein soziales Netzwerk aus Puebla. Alle waren selbst im Urlaub, entweder in Deutschland oder irgendwo in Mexiko oder den USA. Eine Familie unterbrach für drei Tage ihren Urlaub an der Riviera Maya und blieben bei meinen Kindern im Hotel, das war eine Riesenhilfe für mich. Ich telefonierte mit den Angehörigen und Freunden in Deutschland, hielt sie über Facebook über die Situation auf dem Laufenden. Ich sprach mit dem Arbeitgeber meines Mannes in Mexiko und wir machten Pläne für verschiedene Szenarien.

Als klar wurde, dass mein Mann nicht überleben würde, kam einen Tag vorher eine Unterstützung aus der Personalentwicklung. Sie half mir bei den Regelungen mit dem Bestatter, kontrollierte die Todesurkunde auf Richtigkeit, regelte alles mit der deutschen Botschaft. Das traute ich mir dann mit meinen Spanischkenntnissen nicht zu, und falsch ausgestellte mexikanische Dokumente hätten alles noch komplizierter gemacht.

Donnerstags verstarb mein Mann, Montags gab es eine mexikanische Trauerfeier in Puebla, Donnerstags saßen wir (mit Urne im Handgepäck!) im Flieger nach Deutschland, Montags darauf war die Beisetzung in Deutschland. Das alles organisierte ich, ohne Tränen, ich handelte in einem „Notfallmodus“, hatte die Emotionen komplett von mir abgetrennt.

Was war für deine vier Töchter besonders wichtig und hilfreich?

Ich habe, schon während der ungewissen Situation in Cancun, immer offen mit ihnen gesprochen, auch die Jüngste (fast 7 Jahre alt) komplett eingebunden. Ich habe mit ihnen die verschiedenen Szenarien und die Konsequenzen daraus besprochen und diskutiert, ich habe sie auch meine Ratlosigkeit und Hilflosigkeit spüren lassen. Und ihnen aber auch immer wieder gesagt, dass wir das zu fünft durchstehen würden.

Und so ist es auch gekommen.

Drei meiner Töchter studieren, die Jüngste ist jetzt in der 9. Klasse und wir sind ganz eng zusammengewachsen. Noch immer wird vieles gemeinsam bei einer Tasse Tee diskutiert, aber alle sind sehr selbstständig und treffen die Entscheidungen dann alleine.

Ich habe nach unserer Rückkehr nach Deutschland sehr schnell wieder Alltagsroutine einkehren lassen, alle (bis auf die Älteste) gingen wieder zur Schule, durften mal einen Tag fehlen, wenn es vor Trauer gar nicht ging, aber das war die Ausnahme. Ein neues Ritual war die nachmittägliche Teestunde mit unserem mexikanischen Teeservice, da wurde dann alles besprochen, alltägliches und auch emotionales.

Auf welche Ressourcen hast du zurückgegriffen, um das alles zu überstehen?

Ich glaube es war eine Mischung aus Pragmatismus und Mutterinstinkt. Das wichtigste für mich war, dass die Kinder so gut wie möglich durch die Zeit des Krankenhauses und der Trauernfeiern und des plötzlichen Umzugs kamen. Da standen immer die Kinder im Vordergrund, ich habe mich hintenangestellt – das ging soweit, dass ich mich mit meinen Schwiegereltern in dieser Situation zerstritten habe, weil ich auf einer kleinen Beerdigung der Kinder zu Liebe in Deutschland bestand und das deren Wünschen entgegenlief.

Pragmatismus half mir insofern, als ich mir sagte, du kannst jetzt nichts ändern und musst das Beste aus der Situation machen, das Beste für die Kinder, damit sie diesen Verlust verkraften und weiterhin positiv in die Zukunft sehen.

Der vorhin beschriebene „Notfallmodus“ hat fast ein Jahr gedauert. Danach fiel ich -trotz bereits abgelegter Prüfung zur interkulturellen Trainerin“- in ein Loch und suchte mir bei einem Coach professionelle Hilfe. Es war weniger Trauer-Verarbeitung, es ging für mich darum, zu sehen in welche Richtung es gehen sollte. Mein Bild war: Im Moment schwimme ich und halte mich über Wasser und ertrinke nicht, aber jetzt möchte ich wissen wo das Land ist und in welche Richtung ich schwimmen muss. Mit dem Coach habe ist fast 2 Jahre zusammengearbeitet, das war eine sehr intensive Zeit in der ich viel über mich erfahren habe und meine Persönlichkeit weiterentwickelt habe.

Was könnten andere Expat-Frauen von dir lernen?

Was ich gerne an alle Expat-Frauen weitergeben will: Ich war in dieser Zeit, alleine mit dieser Situation in Cancun, dankbar für jede Spanischstunde, die ich genommen hatte und froh darüber, dass ich halbwegs alles verstehen konnte was auch die Schwestern untereinander sprachen, die Sachen abseits vom „Offiziellen“. All die Sachen, die ich organisieren musste, zu schaffen, wäre ohne Fremdsprachenkenntnisse und auch das Wissen um die Art und Weise wie man das zu sagen hätte, unmöglich gewesen.

Die Auslandsaufenthalte haben mich ungemein bereichert. Nicht nur erworbene Kenntnisse wie die Sprachen, kulturelle Eigenheiten oder unterschiedliche Gerichte haben mein Wissen erweitert. Ich habe viel Selbstsicherheit bekommen.

Ich traue mir zu, schwierige Situationen zu meistern, mich auch Unbekanntem zu stellen und neugierig zu sein, was sich dahinter verbirgt und wie man es lösen kann. Und dass es oft mehr als einen Weg gibt, Probleme zu lösen und es dort nicht die eine Lösung gibt.

Wie hast du nach dem Auslandsaufenthalt den Wiedereinstieg ins Berufsleben geschafft?

Ich habe, als mein Mann anfing zu arbeiten und wir nach Emden gingen, meinen Beruf aufgegeben und mich traditionell um Kinder, Haushalt etc. gekümmert. Das war von uns vorher so besprochen worden und es gab nur wenige Tage, wo ich diese Entscheidung bereute.

Nach dem Tod meines Mannes hatte ich 20 Jahre keinen Beruf ausgeübt und mir war klar, dass ich mit meiner technischen Ausbildung nicht mehr auf dem aktuellsten Stand war.

Aber ich hatte unglaublich viel erlebt im Ausland, viele interkulturelle Erfahrungen gemacht und so hatte ich die Idee „interkulturelle Trainerin“ zu werden. Ich belegte zuerst einen zweitägigen Probeworkshop zum Thema „Train-the-Trainer“, da ich gar nicht wusste, ob ich vor Teilnehmern stehen und reden kann und dabei noch Spaß hätte.

Als dieses Experiment positiv verlief meldete ich mich direkt zur interkulturellen Trainerausbildung an, und stürzte mich mit Begeisterung und Wissenshunger in dieses neue Thema. Ein Jahr später sattelte ich noch eine 9-monatige Business-Trainer-Ausbildung darauf und bilde mich seitdem auch immer noch weiter.

Zur Zeit bin ich selbstständig, arbeite für Verwaltungen, Handwerkskammer, öffentliche Einrichtungen und Krankenhäuser mit dem Thema Interkulturelle Kompetenz, ein zweites Standbein sind Zeit- und Selbstmanagement-Trainings im Unternehmenskontext.

Liebe Silke, ich danke dir vielmals für dein Vertrauen und deinen Mut, deine Geschichte mit uns zu teilen. Sie wird sicher viele Herzen bewegen.

Wer mit Silke Kontakt aufnehmen möchte, kann dies über die Kommentare tun oder direkt per E-Mail an info@von-hoffmann.de. Mehr über ihre Arbeit erfahrt ihr hier: www.von-hoffmann.de.

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