Rückkehr aus dem Ausland – Zwischen Heimatgefühlen und Entfremdung

Die Rückkehr nach einer Auslandsentsendung erlebt jeder auf seine ganz individuelle Weise. Ob als Entsandte(r), mitausreisende(r) Partner(in) oder Kind, jeder findet sich in seinem eigenen Tempo wieder in der Heimat zurecht. Dabei spielen neben der eigenen Persönlichkeit mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Ziehe ich an den alten Wohnort zurück oder geht es in eine ganz neue Region?
  • Wie oft war ich bereits im Ausland?
  • Wie lange war ich weg?
  • Wie gut habe ich den Kontakt zur Heimatkultur gepflegt?
  • Was waren die Gründe und die äußeren Umstände für die Rückkehr?
  • In welcher Lebensphase befinde ich mich?
  • Welche schulische oder berufliche Perspektive habe ich?
  • Welche Pläne habe ich für die Zukunft?

Während manche offenbar überglücklich sind, sich wieder in vertrauten Gefilden zu bewegen, setzt bei vielen nach einiger Zeit die Ernüchterung ein. Warum eigentlich? Was genau passiert da? Das Thema Rückkehr ist sehr vielschichtig und manchmal können wir nur schwer in Worte fassen, was wir empfinden und erleben, geschweige denn mit anderen darüber reden. Ich möchte dazu drei wichtige Aspekte der Rückkehr (in Anlehnung an Gerhard Winter, 1996) näher erläutern:

1. Veränderung von Wertorientierungen und Lebenseinstellungen

Anfangs sind die meisten deutschen Rückkehrer froh, dass das Land so sauber, ordentlich, umweltbewusst, wirtschaftlich entwickelt, sicher und politisch stabil ist. Nach der anfänglichen Euphorie macht sich bei Einigen eine Art Leere und Befremdung breit. Warum sind die Leute so gestresst und unflexibel? War Deutschland schon immer so konsum- und leistungsorientiert? Im Ausland nimmt man automatisch eine andere Perspektive ein und betrachtet nun alles mit dieser neuen Brille.

Je nachdem, wie lange man im Ausland war, herrscht mittlerweile ein anderes politisches Klima, die Wirtschaft steckt in einer Rezession oder gar das ganze Land in einer Pandemie mit tiefgreifenden Folgen für das öffentliche Leben. Die gesellschaftlichen Themen in der deutschen Presse und auch die Gespräche im näheren Umfeld spiegeln ein deutlich engeres Weltbild wider als das, was man selbst im Ausland entwickelt hat. Die Menschen mögen vielleicht selbstbezogen oder engstirnig wirken und scheinen sich gar nicht bewusst, wie gut es ihnen in Deutschland im internationalen Vergleich eigentlich geht.

2. Entfremdung von Familie und Freunden

Die Familie und die alten Freunde nehmen einen zumeist herzlich wieder auf und man genießt diese erste Zeit des Wiederanknüpfens sehr, hat man alle doch so sehr im Ausland vermisst. Auch bei ihnen ist die Zeit nicht stehen geblieben und es gab Geburten, Hochzeiten, Scheidungen, Todesfälle, neue Jobs, Umzüge und nur wer im Ausland den Kontakt aufrecht gehalten hat, verliert nicht den Anschluss.

Während man voller Enthusiasmus ist und von all den Erlebnissen und wichtigen Erkenntnissen aus dem Ausland erzählen möchte, stößt man oft schon nach kurzer Zeit auf Unverständnis oder Desinteresse. Bisweilen wird man als arrogant abgestempelt, wenn man ganz natürlich von einem kürzlichen Erlebnis erzählt („Neulich auf der Chinesischen Mauer…“). Die Veränderungen in den Wertorientierungen und Lebenseinstellungen haben die Daheimgebliebenen nicht mitvollzogen und es wird einem schmerzlich bewusst, dass man sich ein Stück weit „auseinandergelebt“ hat. Nicht selten bevorzugen Rückkehrer es, nicht mehr über ihre Auslandserfahrungen zu sprechen.

3. Verlust von beruflichen und privaten Kompetenzbereichen

Die Auslandsentsendung wird oft als wichtiger Karriereschritt genutzt und strategisch geplant. Ebenso sollte auch die berufliche Wiedereingliederung nach der Rückkehr rechtzeitig geplant und professionell unterstützt werden, denn allzu oft sehen sich Rückkehrer mit Karriererückschritten oder geringer Würdigung ihres Auslandsfachwissens konfrontiert. Schnell wird dann ein erneuter Auslandsaufenthalt angestrebt oder das Unternehmen gewechselt.

Im privaten Bereich kann es ebenfalls passieren, dass die hart erkämpften „Auslands-Survival-Taktiken“ in der Heimat nun obsolet erscheinen (z.B. schnelles Netzwerken, Fremdsprachen, Rechtslenker oder in chaotischem Verkehr fahren, Aufspüren von deutschsprachigen Ärzten und Rezeptzutaten, etc.). Hinzu kommt, dass die mitausreisenden Partner(innen) in ihrem Beruf häufig pausieren mussten und sich nun sorgen, den Anschluss verloren zu haben. Auch ein Kind, dass sich beispielsweise im amerikanischen Schulsystem bestens auskannte, erscheint nun inkompetent im deutschen Schulsystem und muss sich gegen Vorurteile der Mitschüler und Lehrer durchsetzen.

Rückkehr oder Neuanfang?

Das Wort Rückkehr drückt eigentlich nicht ganz genau das aus, was es ist. Es handelt sich nämlich nicht um ein Zurück in das alte Leben, denn das ist nach all den Erlebnissen und der persönlichen Weiterentwicklung im Ausland gar nicht möglich. Man ist aus dem früheren Leben herausgewachsen wie aus einem alten Paar Schuhe, das nicht mehr passt. Rückkehr erinnert auch ein wenig an „Rückschritt“ und man hadert mit sich, ob man nicht tatsächlich „zurück auf Los“ muss.

Ein wichtiger Schritt zum Wiedereinleben und wirklichen Ankommen ist das Verarbeiten der Erfahrungen und der damit einhergehenden Emotionen. Die Rückkehr ist genauso ein Übergangsprozess wie die Ausreise und die Eingewöhnung im Ausland – ein Prozess mit Abschieden, Wiedersehensfreude, Trauer, Verwirrung und Neuorientierung. Dieser Übergangsprozess fordert uns zur Reflexion und Auseinandersetzung mit uns selbst auf und bietet enormes Potenzial für persönliches Wachstum. Dazu gehört auch, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen – besonders mit den widersprüchlichen und den ganz unangenehmen Gefühlen. Gefühle wollen gefühlt werden, denn wenn man sie unterdrückt, kommen sie solange durch die Hintertür wieder, bis man ihnen Raum gibt. Das braucht Zeit und Mut. Corona hat Vielen eine außergewöhnlich traumatische Rückkehr beschert. Umso mehr sind Achtsamkeit, Geduld und eine große Portion liebevollen Selbstmitgefühls gefragt.

„You get a strange feeling when you’re about to leave a place. Like you’ll not only miss the people you love, but you’ll miss the person you are now at this time and this place, because you’ll never be this way ever again.“ – Azar Nafasi

Belohnt wird man mit innerer Klarheit und innerem Frieden, die den Weg frei machen für das neue integrierte Ich, mit neuer Lebensfreude, frischem Mut und einer Vision für die Zukunft. Als Coach begleite ich Rückkehrer auf diesem Weg, denn es ist um ein Vielfaches schwerer, ihn allein zu beschreiten. Da ich Vernetzung mit Gleichgesinnten für ebenso wichtig halte, biete ich gemeinsam mit meiner Kollegin Christina Kapaun ein Gruppen-Coaching für Rückkehrer an: „Arriving“. Hier findest du alle Infos zu „Arriving“ und die Termine, wann die nächste Gruppe startet.

In meinen kommenden Artikeln findet ihr „Meine 5 Top Tipps für eine sanfte Landung“ und ein paar Einblicke in meine eigenen Rückkehrerfahrungen. Stay tuned!

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